Hochreine Bio-Garne aus Krabben-Schalen

Dresdner Textilforscher stellen erstmals 100-prozentige Chitosan-Fasern her

 

Die Textilforschung unterstützt nach faserbasierten Implantaten und Blutgefäßen jetzt erneut den medizinischen Fortschritt. In Dresden gelang einem Bericht des Forschungskuratoriums Textil (FKT) zufolge erstmals die Herstellung biologisch reiner Chitosan-Garne. Das gesponnene Naturmaterial aus modifizierten Panzern von Krebstieren ist absolut biokompatibel, baut sich im Körper selbstständig ab und verspricht vielfältige biomedizinische Problemlösungen.

 

Krabben sind nicht nur ein Leckerbissen, sondern wegen ihrer Schalen aus Chitin auch begehrter Grundstoff für die Regenerationsmedizin (Quelle: HCM)

Chitin als Ausgangsbasis für chemisch hochwertigeres Chitosan ist wie Cellulose einer der reichlich vorhandenen Naturstoffe. Er fällt zum Beispiel bei der Krabben-

verarbeitung an. In Forschungskooperation mit einem Chitosan-Hersteller für medizinische Applikationen gelang dem Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungs-

werkstofftechnik (ITM) der TU Dresden, das Biopolymer zu verspinnen und daraus Flächengebilde herzustellen. Gewebe aus reinen Chitosan-Fasern in dieser Qualität und Festigkeit waren bisher vollkommen unbekannt; in Asien soll es OP-Nahtmaterial aus diesem Polysaccharid (Mehrfachzucker) geben. „Allerdings nicht von dieser Qualität, daher unterstützen wir dieses Projekt herstellerseitig“, sagt die Geschäftsführerin und Gründerin der Heppe Medical Chitosan GmbH aus Halle/Saale, Katja Richter.

 

 

Die Biotechnologin sieht für die hochreinen Bio-Garne sehr gute Marktchancen zum Einsatz etwa in der Regenerationsmedizin. So könnte eine Trägermatrix aus diesem Material in den Abmessungen eines Herzmuskels mit körpereigenen Stammzellen besiedelt werden. Nach einer gewissen Zeit würde sich dann das Gerüstgewebe von selbst wieder auflösen; mitwachsende Organteile kämen damit der Realität ein Stück näher. Auch bei Operationen, bei denen größere Gewebeteile entfernt werden mussten, könnte das resorbierbare Gewebe als Füllmaterial, Blutstiller oder Abstandshalter eingesetzt werden.

 

Die vom Bundeswirtschaftsministerium im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) unterstützte Gemeinschaftsentwicklung hatte unmittelbar nach der ersten Auslandspräsentation im Herbst 2011 in der Fachwelt ein großes Echo ausgelöst. Obwohl erst Halbzeit des geförderten Forschungsprojekts war, steht bereits fest: Die Projektpartner verfügen über das Know-how, unterschiedlich feste Chitosan-Garne zunächst im Labormaßstab im Nassspinnverfahren zu erzeugen und danach im Web- oder Wirkverfahren zu Flächengebilden weiter zu verarbeiten. Bei der Produktionskette kann auf „bedenkliche“ Chemie ganz und gar verzichtet werden.

 

Im Nassspinnverfahren von Dresdner TU-Textilforschern (Bild: ITM-Mitarbeiter Michael Posselt) erzeugtes hochreines Bio-Garn aus dem Chitin von „Meeresfrüchten“ (Quelle: Sven George)

Die deutsche Textilforschung an 16 Institutsstandorten ist mit ihren Entwicklungen Partner von Medizin und Gesundheit. Wie FKT-Geschäftsführer Dr. Klaus Jansen zusammenfasst, seien die Textiler mit solchen Spitzenentwicklungen wie Nervenleiter, Depotfasern zur gezielten Wirkstoffabgabe oder gewebte Implantaten weltweit führend. „Dank vorwettbewerblicher Förderung vor allem durch die beiden Bundesministerien für Wirtschaft/Technologie und Bildung/Forsch-

ung kommen jährlich rund ein Dutzend textilbasierte Gesundheitsinnovationen dazu“, bilanziert Jansen. Sie zielten etwa als Hautersatz zur Behandlung schwerer Verbrennungen (ITV Denkendorf), partikelarme Bauchtücher (TITV Greiz) oder polymerbasierte Stents mit Gedächtniseffekt (ITA Aachen) auf die Branchen Medizintechnik, Biotechnologie, Pharmakologie und Pflegedienstleistungen. www.textilforschung.de

 

 

 

 

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