Lichtverschmutzung „Dauerstrapaze für Flora und Fauna“

Zukunftslotse regt Neujustierung bei Förderpolitik des Bundes an

Dauerstress für Flora und Fauna: Die nächtliche Lichtverschmutzung steigt weiter an Bildquelle: www.nasa.gov

Dauerstress für Flora und Fauna: Die nächtliche Lichtverschmutzung steigt weiter an
Bildquelle: www.nasa.gov

Der Earth Overshoot Day fiel 2016 auf den 8. August. So früh wie nie zuvor war damit jener Tag des Jahres erreicht, an dem der weltweite Ressourcenverbrauch die Regenerationsfähigkeit der Erde übersteigt (1990: 7. Dezember, 2000: 1. November, 2010: 21. August). Deutschland verstärke diesen Negativtrend u. a. durch punktuelle Markteingriffe der Politik, die nicht das Gesamtbild in den Fokus nachhaltiger Verbesserung nähmen, kritisiert der Münchener Zukunftslotse Thomas Strobel.

Beispiel dafür sei nach der Verbreitung quecksilberhaltiger Energiesparlampen als Ersatz für die verbotene 100 Watt-Glühbirne eine auf LED-Einsatz in der Straßen-
beleuchtung fokussierte Förderung, die nach neuesten Forschungen weiter zunehmende Lichtverschmutzung verursachen und sich nachteilig auf Umwelt und Mensch auswirken kann. Während im Kontext der Energiewende vielfältige Anstrengungen für geringeren Energieverbrauch unternommen würden, blieben andere Effekte mitunter ausgeblendet. So führt beispielsweise nachträgliche Wärmedämmung an Gebäuden ohne passende Lüftungskonzepte oft zu gesundheitsbeeinträchtigenden Schimmelschäden. Im Automobilbau geht die Gewichtszunahme der Fahrzeuge trotz Leichtbau ungebremst weiter – der Golf VII wiegt mit rund 1250 Kilogramm 50 Prozent mehr als das erste Modell vor 40 Jahren. Und auch in Sachen nächtlicher Beleuchtung auf Straßen und Plätzen beklagt Strobel unerwünschte Fehlentwicklungen.

LED-Förderung mit ambivalenten Folgen
Derzeit gibt es in Deutschland etwa 9 Mio. Straßenleuchten mit einem Jahresverbrauch von rund 4 Mrd. Kilowattstunden. Nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur entfallen auf diese Beleuchtung 30 bis 50 Prozent des Strombedarfs der Kommunen. Seit Jahren und gegen Bedenken der Wissenschaft zum Stichwort Lichtverschmutzung begünstigt der Bund über finanzielle Zuschüsse die Neuanschaffung von Straßen-
leuchten auf Basis lichtemittierender Dioden – kurz LED. Diese Beleuchtungssysteme zeichnen sich zwar durch einen geringen Energieverbrauch aus, haben jedoch umweltrelevante Unzulänglichkeiten.

Weil sie in Anschaffung und Erneuerung teuer sind, bringen sie – über den gesamten Lebenszyklus bis hin zum Ersatz betrachtet – den Städten und Gemeinden keine spürbare Haushaltsentlastung. Obwohl die Industrie für das margenstarke Produkt den Eindruck vermittelt, es sei alternativlos, zeigt eine Studie des „Sustainable Business Institute“ von 2015: Insbesondere größere Kommunen mit hoher Leuchtenzahl sind zögerliche Käufer. Das Bundesumweltministerium hat deshalb kürzlich ein Förder-
programm verlängert, mit dem über direkte Subventionen der Absatz von LED-Leuchten verstärkt werden soll.

Blauer Lichtanteil beeinträchtigt die innere Uhr
Dieser staatliche Markteingriff hat auch ökologisch eine bedenkliche Komponente: LEDs senden einen relativ hohen Anteil blauen Lichts aus. Vor allem dieser Anteil des Lichtspektrums kann bei höheren Wirbeltieren zu Verschiebungen des Tag-Nacht-Rhythmus sowie zu zeitlichen und saisonalen Verzerrungen in Ökosystemen führen. Obwohl LED-Beleuchtung in Studien weniger Anlockwirkung auf Insekten zeigt, hängt diese stark mit dem Blaulicht- und UV-Anteil der Lampe zusammen: je kaltweißer das Licht, umso höher Blaulichtanteil und Anlockung.

Zukunftslotse Strobel vor einer Biotop-Fläche im bayerischen Bodenmais: Aus Naturschutz-Gründen nicht zu betreten – aber nachts beleuchtet… Bildquelle: Strobel

Zukunftslotse Strobel vor einer Biotop-Fläche im bayerischen Bodenmais: Aus Naturschutz-Gründen nicht zu betreten – aber nachts beleuchtet…
Bildquelle: Strobel

Strobel hält den durch Lichtsmog verursachten „Schlafentzug“ bei Flora und Fauna für eine globale Licht-Folter: „Der Mensch kann unerwünschte Bestrahlung mit Verdunkelungsmaßnahmen vermeiden, aber die Natur hat weder Rollo noch Vorhang“. Zu viel nächtliches Licht hat auch Auswirkungen auf den menschlichen Organismus. Es hemmt beispielsweise die Produktion des Hormons Melatonin; das kann zu Störungen des Schlafes, Stoffwechsels und der Immunabwehr führen.

Seit 2010 befasst sich der Forschungsverbund „Verlust der Nacht“ mit Auswirkungen künstlicher Beleuchtung auf Mensch, Gesellschaft und Natur. Wie sich eine Umstellung von orange leuchtender Natriumdampf- auf LED-Beleuchtung, wie sie derzeit in vielen Kommunen vorgenommen wird, auf ein ganzes Ökosystem auswirkt, analysieren Wissenschaftler des Leibniz-Institutes für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) mit einer an eine Straßenbeleuchtung angelehnten Experimentalstruktur.

Dr. Sibylle Schroer, Koordinatorin des Projektes, sagt: “Viele Kommunen investieren in neue Beleuchtungstechnologie, ohne sich mit den verfügbaren Möglichkeiten auseinander zu setzen. LED-Beleuchtung ist nur dann empfehlenswert, wenn die Potenziale der Technologie – etwa die nutzungsangepasste Intensität der Beleuchtung – tatsächlich ausgeschöpft werden.“ Kosten und Energie spare man durch innovative Technologien, die den Verbrauch reduzieren: z. B. mit zeitlich variablen Dimmern. Grundsätzlich sollte eine Abstrahlung außerhalb des Nutzungsraumes, vor allem in die Horizontale oder den Himmel, weitestgehend vermieden werden.“

Bei Neuinstallationen wird jedoch die hohe Effizienz der LED-Beleuchtung selten berücksichtigt. Um sie energiesparend zu verwenden, sollte die Intensität des Lichts verringert werden. Weil das oft nicht ausreichend geschieht, ist die Energieersparnis oft enttäuschend, und es kommt zu Bürgerprotesten gegen das zu helle Licht.

Energiesparende Beleuchtung existiert längst

Vergleich zwischen verschiedenen Beleuchtungssystemen: Der blaue Lichtanteil wirkt sich auf den Tag-Nacht Rhythmus höherer Wirbeltiere aus. Quelle: IGB, Forschungsverbund „Verlust der Nacht“

Vergleich zwischen verschiedenen Beleuchtungssystemen: Der blaue Lichtanteil wirkt sich auf den Tag-Nacht Rhythmus höherer Wirbeltiere aus.
Quelle: IGB, Forschungsverbund „Verlust der Nacht“

Es gibt durchaus ökologisch unbedenkliche, wirtschaftlich sinnvolle Alternativen zu den unter Energiesparpriorität geförderten Diodenleuchten. Die Rede ist beispielsweise von hoch effizienten Natriumdampflampen (NAV) verschiedener deutscher Hersteller. Deren Licht zieht weniger Insekten an als kaltweißes Licht, hat einen äußerst geringen Blaulichtanteil und lässt sich mit Dimmtechnik im Energieverbrauch auf das niedrige LED-Niveau drosseln. Zudem sind NAV-Leuchten deutlich billiger und garantieren den Kommunen dank relativ kurzer Amortisationszeit erhebliche Entlastungen im Haushalt. Trotz dieser Vorteile wird der NAV-Einsatz vom Bund jedoch nicht gefördert.

Dr. Franz Hölker vom IGB ist Leiter des Forschungsverbunds „Verlust der Nacht“. Er betont den ambivalenten Charakter von Licht: „Einerseits erhöht es die Sicherheit, gilt als Zeichen von Modernität und Wohlstand, anderseits hat es auch seine Schattenseiten, indem es den Tag-Nacht-Rhythmus und das Verhalten vieler Organismen stören kann. Noch weiß man aber viel zu wenig darüber, wie sich verschiedene Beleuchtungs-
systeme auf Lebewesen auswirken.“ Effiziente Technologien führten leider oft dazu, dass das verfügbare „billigere“ Licht verstärkt eingesetzt wird. In den letzten Jahrzehnten habe die weltweite Lichtverschmutzung bereits um jährlich etwa sechs Prozent zugenommen. Laut Hölker ist bei weiter steigender LED-Verbreitung auch mit einer weiteren Zunahme des Lichtsmogs zu rechnen.

Grundprinzip von Nachhaltigkeit in Politik, Verwaltung und Industrie müsste mittelfristig sein, im öffentlichen Raum so wenig Licht wie möglich zu emittieren, weiß sich Zukunftslotse Strobel mit den IGB-Wissenschaftlern einig. Statt einzelne Produkte zu fördern, sollte der Staat Forschung und Entwicklung zu geeigneten Technologien und Anlagen gegen den Lichtmüll unterstützen: Etwa in Richtung neuer Beleuchtungs-
systeme mit Filtern, die das Lichtspektrum durch eine Reduzierung des Blau-Anteils natürlicher machen und eine stark gedimmte Minimalbeleuchtung ermöglichen, die über einen Bewegungssensor erst bei Annährung heller wird. Aussichtsreich erschiene auch die Nutzung von Elektro- oder Biolumineszenz als Basis einer energiesparenden, lichtarmen Grundbeleuchtung.

Zudem wirbt Strobel für einen weltweiten Ansatz, der großflächige Leuchtreklame als Werbemittel von gestern schrittweise verbietet, da sie bei immer mehr Smart Phone- und Tablet-Nutzern ohnehin weniger wahrgenommen werde. Und für künftig untereinander kommunizierende autonome Fahrzeuge mit aktiv steuerbaren, leuchtstarken Laser-
scheinwerfern braucht man nach Worten des Maschinenbauingenieurs auf weiten Strecken künftig keine zur Kompensation des schlechten menschlichen Nachtseh-
vermögens ausgelegte Straßenbeleuchtung mehr.

Neue Marktchancen nutzen
Solche langfristig konzipierten Lösungen setzten allerdings konzertierte Anstrengungen der Industrie voraus. Gemeinsam könnten selbst im Wettbewerb stehende Unternehmen einen auch exportseitig hoch attraktiven neuen Markt schaffen.“ Strobel weiß, wovon er spricht. Nach Jahren im Planungsbereich eines großen Technologieunternehmens hatte er u.a. die deutsche Papier- sowie die Textilindustrie bei der Trend-Analyse und Erforschung von Bedarfsentwicklungen in deren Zukunftsmärkten begleitet. So wurden frühzeitige Weichenstellungen für perspektivische Anforderungen und Marktchancen in den beteiligten Unternehmen ermöglicht.

Zugleich empfiehlt er, zeitnah in intelligente technische Interimslösungen für den riesigen Bestand oft Jahrzehnte alter Leuchten bundesweit zu investieren. „Die Annahme einer zügigen flächendeckenden Erneuerung ist unrealistisch – sie muss auch gar nicht sein“, so der anwendungsorientierte Zukunftslotse. Vielmehr ließe sich ein Großteil der bestehenden Systeme mit geringem Aufwand für eine längere Übergangszeit energiesparend ertüchtigen: „Diese Nachrüstung kann für die Industrie durchaus lukrativ werden“. Bei innovativem Herangehen an den Bestand ließen sich durch frühzeitig gebündeltes, interdisziplinäres Wissen der mittelfristige Beleuchtungsbedarf ermitteln, die Folgen der Lichtverschmutzung reduzieren, der Ressourcenverbrauch drosseln – und der Erdüberschusstag auf dem Jahres-Kalender wieder ein Stück nach hinten verschieben. Das setze allerdings auch eine gesamtheitlich konzipierte, auf wachsende Nachhaltigkeit gerichtete Förderpolitik des Bundes voraus.

http://www.fenwis.de/de/kundennutzen/methodik/

http://www.verlustdernacht.de/

 

Zum Pressedownload: https://www.dropbox.com/s/9uqa5klzq4lxrxz/21098_licht.zip?dl=0

Abdruck gegen Belegexemplar/Link honorarfrei.

 

 

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