Zur traditionsreichen Veranstaltung der Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften beim DGRV am 27. Januar 2026 trotzten rund 250 Interessierte aus Politik, Energiewirtschaft und dem genossenschaftlichen Verbund der Eisesglätte und den Zugausfällen. Sie fanden den Weg ins Haus der DZ BANK am Pariser Platz in Berlin zum alljährlichen Bundeskongress genossenschaftliche Energiewende.
Der – Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V. (DGRV) vereint derzeit 5.148 Genossenschaften mit 18,9 Millionen Mitgliedern und 2.000 Wohnungsgenossen-schaften mit 2,9 Millionen Mitgliedern, die nicht im DGRV organisiert sind. Statistisch gesehen ist damit jeder vierte Bundesbürger Mitglied in einer ländlichen, gewerblichen, Kredit-, Energie,- Konsum- oder Wohnungs-genossenschaft. Mit jetzt 998 Energiegenossenschaften verzeichnet der DGRV ein stabiles Wachstum.
Auch wenn zuletzt in der energiepolitischen Debatte Gaskraftwerke häufig im Vordergrund standen und einige Aussagen aus dem Wirt- schaftsministerium die Erneuerbaren-Branche verunsichern, zeigte das große Interesse an der Veranstalt- ung eindeutig: Die Zukunft der erneuerbaren Energien muss auch für die aktuelle Regierung ganz oben auf der Agenda stehen.
In seiner Begrüßung unterstrich DGRV-Vorstand Jan Holthaus das zentrale Thema der Planungssicherheit: Insbesondere Fragen zu Finanzierung und Förderung bräuchten dringend klare und schnelle Antworten. Auch wenn die weltpolitischen Ereignisse der vergangenen Tage die Schlagzeilen dominierten, bleibe die Energiewende für Bürger:innen wie für die Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Sie dürfe nicht ins Hintertreffen geraten. „Gerade deshalb ist es heute so wichtig, den Expert:innen aus Energie- und Wirtschaftspolitik aufmerksam zuzuhören“, so Holthaus` einleitende Worte.
Impulse zum Auftakt: EEG-Reform, Dezentralität und Akzeptanz
Den inhaltlichen Auftakt des Kongresses bildeten Impulsvorträge von
- Ursula Heinen-Esser (Bundesverband Erneuerbare Energie e. V.)
- Dr. Julia Verlinden (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und
- Dr. Henning von Stechow (Prokon Regenerative Energien eG).
Heinen-Esser thematisierte die weiterhin ausstehende Reform des EEG und mahnte verlässliche Perspektiven für den EE-Sektor an. Obwohl das Energiepaket zwingend noch im ersten Quartal kommen müsse, sei bislang kein einziger Eckpunkt veröffentlicht wurden, so Heinen-Esser. Doch gerade der EE-Sektor brauche eine verlässliche Perspektive und ausreichend Zeit, um auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren zu können – das gelte in besonderem Maße für Energiegenossen- schaften.
Des Weiteren betonte sie angesichts der aktuellen politischen Weltlage die Bedeutung dezentraler Versorgungsstrukturen, die Akteure wie Genossenschaften aufbauen. Diese sorgten nämlich für Resilienz und dafür, unabhängig von ausländischen Importen zu werden.
Dem schloss sich Dr. Julia Verlinden in ihrem Beitrag an: Genossenschaften stünden für gelebte Dekarbonisierung, Dezentral- isierung und Demokratisierung des Energiesystems. Außerdem hob sie die Leistung der (Energie-)Genossenschaften für die Akzeptanz der Energiewende vor Ort hervor. Die Akzeptanz in der Bevölkerung sei hoch und die direkte Beteiligung durch Genossenschaften ließe sie weiter steigen. „Genossenschaften ermöglichen es, dass Menschen mitwirken, anstatt hilflos zuzusehen“, sagte Verlinden. In seiner Replik mahnte von Stechow, wie Heinen-Esser auch, die mangelnde Planungssicherheit an. Er hob hier insbesondere das Beihilferecht als zentrales Thema hervor, dass von der Bundesregierung dringend angegangen werden müsse. Das sei essenziell für den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Wärmepolitik als zentrales Thema
Ein Schwerpunkt des diesjährigen Bundeskongresses lag auf der Wärmewende. In ihrem Impuls machte Stephanie von Ahlefeldt, Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), deutlich, dass Genossenschaften eine tragende Rolle bei der Umsetzung der Wärmewende spielen können. (Wärme-)Genossenschaften tätigen nicht nur erhebliche Investitionen in den Ausbau der (erneuerbaren) Wärmeversorgung indem sie privates Kapital hebeln, sondern fungieren auch als wichtige Impulsgeber für die Politik. Das BMWE will ein Finanzierungsinstrument schaffen, dass auch für genossenschaftliche Wärmenetze geöffnet wird und im Wärmeplanungsgesetz die verbindliche Einbeziehung von Wärme- genossenschaften integrieren, so von Ahlefeldt.
Emöke Kovac, Gründungsmitglied der Boben Op Nahwärme eG, brachte unter anderem das Thema Konditionen und Tempo bei der Finanzierung von Wärmenetzen sowie Netzerweiterungen durch Banken ein. Wärmgenossenschaften seien für viele Banken eine „große Unbekannte“. Wie man in Dänemark sehen könne, führen förderliche gesetzliche Regelungen zu besser- en Bedingungen und Finanzierungen wie z.B. besseren Zinskonditionen für genossenschaftliche Wärmeprojekte.
Armin Komenda, Vorstand der EWS Elektrizitätswerke Schönau eG, bestätigte die Fremdkapitalfinanzierungsproblematik im Zusammenhang mit ihren Wärmeprojekten. So würden Banken ein Wärmenetz nicht als Sicherungsmittel akzeptieren, was die Fremdkapitalfinanzierung enorm erschwere. Um dieses Problem zu lösen, brauche es sowohl politische Unterstützung als auch die Rückendeckung der Genossenschaftsbanken, so Komenda. Ferner erklärte Komenda, dass die Finanzierung von genossenschaftlichen Wärmenetze konkret über ein Förderprogramm, das über den Deutschlandfonds läuft, gelöst werden könnte.
Diskussion mit der Bundespolitik
In einer Podiumsdiskussion diskutierten energiepolitische Vertreter der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und DIE LINKE mit dem Publikum über aktuelle Fragen der Energiepolitik. Die Moderation übernahm Dr. Andreas Wieg, Leiter der Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften. Themen waren unter anderem der Ausbau erneuerbarer Energien, die künftige Ausgestaltung der finanziellen Förderung von Erneuerbaren sowie die Bedeutung dezentraler Strukturen für ein resilientes Energiesystem. Kernthema der Diskussion waren die Unsicherheiten, die mit der ausstehenden Reform des EEG entstehen. Alle waren sich einig: Es muss Planungssicherheit geben.
Hans Koller, Berichterstatter für das EEG und Energiewirtschaftsrecht der CDU/CSU-Bundestagsfraktion stellte klar: Neben der Planungssicherheit muss auch der Bestandsschutz gewahrt sein. Investitionen müssen sich rechnen können.
Zugleich unterstrich er die zentrale Rolle eines dezentralen Stromnetzes und würdigte ausdrücklich den Beitrag der Energiegenossenschaften: „Jede kleine Anlage ist wertvoll“, betonte Koller.
Letzterem schloss sich Helmut Kleebank, stellvertretender Sprecher der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Energie der SPD-Bundestagsfraktion, grundsätzlich an: Man müsse Dezentralität fördern, eine Vielfalt der Akteure sei wünschenswert. Gleichzeitig mahne Kleebank aber an, ein Ausspielen „Groß gegen Klein“, wie es sich in den aktuellen Plänen des BMWE abzeichne, sei nicht zielführend.
Gefragt nach konkreten Maßnahmen für eine Umstellung der Fördersystematik nannte er CfDs (Contracts for Difference), die ein cleveres Instrument seien, um es Erzeugern zu ermöglichen, sich gegen schwankende Strompreise abzusichern. Darüber hinaus sprach er sich für eine De-minimis-Regelung für kleine Anlagen aus sowie auch für den Schutz von Bestandsanlagen. Außerdem wolle die SPD bürokratische Hürden für den Ausbau der Erneuerbaren senken.
Michael Kellner, Sprecher für Energiepolitik der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, stimmte beim Punkt Planungssicherheit zu, sah die Aussagen seiner Vorredner aber ansonsten kritisch: Man dürfe nicht so tun, als seien kleine PV-Dachanlagen ein zentrales (Kosten-)Problem der Energiewende. Der Fokus sei falsch gelegt. „Wir haben eine beeindruckende Erfolgsgeschichte vorzuweisen,“ so Kellner. Der Ausbau der erneuerbaren Energien schreite massiv voran, inklusiver deutlicher Kostendegressionen – insbesondere bei Speichern. „Sowohl Speichertechnologien als auch erneuerbare Energien boomen.“ Man dürfe jetzt nicht stoppen, sondern müsse die Netzinfrastruktur gezielt und zügig ertüchtigen, damit sie mit diesem dynamischen Ausbau Schritt halten kann.
Jörg Cezanne, Obmann im Ausschuss für Wirtschaft und Energie und Sprecher für Energiepolitik der Fraktion DIE LINKE, kritisiere insbesondere das Vorgehen von Energieministerin Katherina Reiche, die erst große Dinge verspreche und Probleme adressiere und dann monatelang nichts folgen lasse. Cezanne sah das Hinterherhinken der Deutschen beim EE-Ausbau auch darin begründet, dass die PV-Module, Windkraftwerke und Elektrolyseure, überwiegend nicht mehr in Deutschland hergestellt werden. „Wir sollten als Land ein Interesse daran haben, die Technologien selbst zu produzieren und zu entwickeln“, fasste es Cezanne zusammen.
Energiewende-Ideen aus der genossenschaftlichen Gruppe
Ein fester Bestandteil des Bundeskongresses ist die Innovationsschau. In dem Wettbewerbsformat stellen Mitglieder aus der genossenschaft- lichen Gruppe ihre wegweisenden Projekte vor und lassen sie im Publikums-Voting gegeneinander antreten. Die Moderation übernahm in diesem Jahr Jonas von Obernitz, Referent für Wärmepolitik und Elektromobilität der Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften beim DGRV.
Lösungen aus der Praxis geehrt
- Innovative Kooperation: Bürger-Solarparks genossenschaftlich realisieren, Juna Schönborn, Referentin Unternehmenskommunikation, Kai Buntrock, Projektentwickler PV-FFA, Bürgerwerke eG
- Direktvermarktung in Bürgerhand: Genossenschaftliche Direktvermarktung als Treiber der Energiewende, Dr. Björn Sossong, Geschäftsführer, HandelGrün GmbH & Co. KG i.G.
- e+KUBATOR – Zuhause für die Energie- und Verkehrswende, Laura Zöckler, Pressesprecherin, Heidelberger Energiegenossenschaft eG
- „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele“ – was wir mit Kooperationen zwischen Genossenschaften alles erreichen können, Theresa Pfrommer, Mitarbeiterin Projektentwicklung, Energiegenossenschaft Ilmtal eG
- Echt Grün: Erneuerbare Energie in Echtzeit, Christoph Teuchert, Bereichsleiter Mitglieder & Energie, Prokon Regenerative Energien eG
- Wärmeversorgung mit in Deutschland (Europa) einmaligem solarem Deckungsgrad von über 70%, Klaus Pfalz, Mitglied der Arbeitsgruppe, Solarwärme Bracht eG

Sieger kommt aus Bracht
Der Publikumspreis ging in diesem Jahr an die Solarwärme Bracht eG, die mit ihrem Wärmeversorgungsprojekt nicht nur durch einen solaren Deckungsgrad von beeindruckend- en 70 Prozent überzeugte, sondern auch durch das außergewöhnliche Engagement und die Vielzahl der Menschen aus der Region, die sich in der Planungs‑ und Umsetzungsphase eingebracht haben.
Mit einer Laufzeit von über 10 Jahren für das Nahwärme Projekt können sich die Mitwirkenden der Solarwärme Bracht eG über den Publikumspreis der Innovationsschau anlässlich des Bundes- kongresses der Energiegenossenschaften freuen. In dem Wettbewerbsformat stellen Mitglieder aus der genossenschaftlichen Gruppe ihre wegweisenden Projekte vor und lassen sie im Publikums-Voting gegeneinander antreten. “An dem Streckennetz von 10 Kilometern zur Wärmeversorgung in Bracht fehlen uns noch zwei Kilometer“, blickt Klaus Pfalz, Mitglied der Arbeitsgruppe, Solarwärme Bracht eG der bereits 2016 gegründeten Arbeitsgemeinschaft zurück.
Das Projekt werde weiterhin wissenschaftlich begleitet, darunter von der Uni Kassel, die jetzt die sensorische Überwachung bis hin zum Füllstand des Speichers in einem dreijährigen Monitoring übernommen hat.
https://www.solarwaerme-bracht.de
Mit einem Fassungsvolumen von 200m³ des Tagesspeichers sei die Anlage bereits von weitem als Wahrzeichen von Bracht zu erkennen. Erste ernsthafte Verhandlungen erfolgten ab Sommer 2023. Bis dahin und auch danach mussten so einige dornige Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, so der Sieger. “Die erste Studie im Jahr 2016, wurde noch belächelt. Heute nach einer Investition von 16,5 Mio. € ist das Nahwärme-Projekt für 165 Haushalte im Bestand und weiteren 26 geplanten Neubauten gut vorangekommen, allerdings noch nicht vollständig fertig”, so Pfalz, der den Preis für die Teamleistung entgegennahm.
Nach vorheriger Anmeldung oder während der veröffentlichten Terminen auf der Homepage könne die Anlage besichtigt werden.
Der anschließende Austausch mit Vertretern aus der Praxis zeigte, unter welchen Voraussetzungen genossenschaftliche Wärmeprojekte erfolgreich realisiert werden können – insbesondere mit Blick auf Finanzierung, Bürokratieabbau und bessere regulatorische Rahmenbedingungen, aber vor allem passende Förderbedingungen wie z.B. im Bundesförder- programm für effiziente Wärmenetze.
Praxis nachgefragt:
Die Praxisbeiträge während der Veranstaltung waren wie ein roter Faden, bei dem was wir täglich als Energiegenossenschaft machen. Unter dem Motto „Was einer nicht schafft, schaffen viele“ haben unsere Mitglieder gezeigt, wie Energie-und Wärmewende aussehen kann.
https://www.energiegenossenschaft-erfurtshausen.de
Vorstandsvorsitzender Hans-Jochen Henkel, Bioenergiedorf-Oberrosphe: In der Praxis konnten wir mit sehr viel Aufwand schon einiges erreichen. Für große Sprünge sind uns von der Politik jedoch die Hände gebunden. Die Politik bremst uns eher bei der Umsetzung der Energie- und Wärmewende aus, statt uns händelbare Regularien zur Dekarbonisierung im Großen an die Hand zu geben. Als Bioenergiedorf, haben wir gezeigt, wie eine gelungene Dekarbonisierung einer Kommune aussehen kann. Und das trotz aller bisherigen Hemmnisse durch die Politik. Ich bin der Hoffnung, dass die hier anwesenden Politiker -und darüberhinaus- den Weckruf unserer Mitglieder verstanden haben und jetzt Politik im Sinne der Bürger machen.
https://www.bioenergiedorf-oberrosphe.de

