Textil-Explosionsschutz in Flugzeugen erfolgreich erprobt

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EU lehnt dennoch Nachfolgeprojekt zur Terrorabwehr von Briefbomben ab

Fly-Bag-Demonstrator: Das Textilbehältnis könnte die Wirkung von Kofferbomben im Fall des Falles neutralisieren (STFI/Schmidt)

Fly-Bag-Demonstrator: Das Textilbehältnis könnte die Wirkung von Kofferbomben im Fall des Falles neutralisieren (STFI/Schmidt)

Chemnitz. Obwohl die Sprengversuche mit textilen Explosionsschutzbehältern auf einem britischen Flugplatz sehr erfolgreich verliefen, hat die EU etwa zeitgleich zum Bomben-
anschlag auf einen russischen Airbus über dem Sinai die finanzielle Unterstützung für ein Folgeprojekt zum Schutz vor Briefbomben-Anschlägen abgelehnt. Das stößt bei den internationalen Projektpartnern auf Unverständnis.

Ausgerechnet ein Textilforschungsinstitut gibt der Luftfahrt berechtigte Hoffnung auf einen sicheren Explosionsschutz im Falle eines Sprengstoffattentats: das Sächsische Textilforschungsinstitut Chemnitz (STFI). Seine Entwicklungsingenieure verfolgen seit 2005 mit internationalen Partnern die Idee, aus hochfesten, undurchlässigen und zugleich flexiblen Aramidgeweben explosionssichere Textilboxen und -container zum Einsatz in der Luft und am Boden herzustellen. Während des Fluges könnten darin Koffer und verdächtiges Handgepäck sicher bis zur Landung aufbewahrt werden; eine bei den Sicherheitskontrollen übersehene Kofferbombe würde darin mit ihrer Sprengkraft kaum Schaden anrichten.

 

Fly_Bag_2011Flugzeuge vor Bomben schützen
Zwei Fly-Bag genannte EU-Projekte mit Expertenteams aus mehreren Ländern bestätigten inzwischen die technische Machbarkeit sowie die zuverlässige Schutzwirkung des mehrlagigen Materials. Nach realitätsnahen Test-Sprengungen im Frachtraum eines ausgedienten Passagier-Flugzeugs vor den Toren Londons feierte auch die deutsche Presse die Entwicklung als innovatives Plus für die Flugsicherheit. „Spiegel“ und „stern“ titelten „Terrorabwehr in Flugzeugen: Spezialsack soll Explosionen eindämmen“ bzw. „Diese Erfindung schützt vor Explosionen in Flugzeugen“; in der MDR-Mediathek zeigt ein Filmbeitrag „Mit Fly-Bag Flugzeuge vor Bomben schützen“, wie das Hightech-Material dem Bombendruck elastisch widerstehen kann. Britische Experten denken inzwischen darüber nach, komplette Fracht- und Passagierräume mit diesem Material auszukleiden.

Brennprüfung beschichtetes Aramidgewebe: Industrieversuch bei Drechsel

Brennprüfung beschichtetes Aramidgewebe: Industrieversuch bei Drechsel

Robust und sprengsicher: Fly-Bag-Reißverschluss des italienischen Projektpartners ZIPLast (Quelle: STFI)

Robust und sprengsicher: Fly-Bag-Reißverschluss des italienischen Projektpartners ZIPLast (Quelle: STFI)


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Freude über den Etappenerfolg währte jedoch nicht lange. Fast parallel zum Terroranschlag von Islamisten über dem Sinai, bei dem mutmaßlich eine mit Sprengstoff gefüllte Getränkedose 224 Todesopfer gefordert hatte, wurde ein Fly-Bag-Nachfolger im Rahmen des auf Forschung und Innovation gerichteten EU-Programms HORIZON 2020 wegen mangelnder „Förderrelevanz“ abgelehnt. Ziel des wiederum internationalen Anti-Blast-Bag-Projekts des STFI u. a. mit einem Spezialtaschen-Hersteller aus Sachsen ist es, nun auch kleinformatigere und vor allem maßgeschneiderte textile Sprengschutzsysteme u. a. für den Paket- und Brieftransport zu entwickeln.

Weiterentwicklung von Brisanz und Priorität

Schmauchspuren, sonst fast nichts: getesteter Prototyp wird von STFI-Mitarbeiterin Dr.Yvette Dietzel in Augenschein genommen (Foto: STFI)

Schmauchspuren, sonst fast nichts: getesteter Prototyp wird von STFI-Mitarbeiterin Dr.Yvette Dietzel in Augenschein genommen (Foto: STFI)

Die Ablehnung des auf Gesamtkosten von 1,5 Mio. Euro ausgelegten EU-Projekts erzeugt bei STFI-Forschungsleiterin Dr. Heike Illing-Günther und ihren Partnern aus Schweden, Großbritannien und Italien ratloses Kopfschütteln. „Wir haben uns gemeinsam zu diesem Thema eine weltweite Kompetenz erarbeitet. Deswegen hat der Transfer konkreter Produkte in die mittelständische Wirtschaft gerade auch von der Hintergrund steigender Terrorgefahr hohe Brisanz und Priorität.“ Auch Donato Zangani vom italienischen Forschungs- und Entwicklungsdienstleister D’Appolonia S.p.a. bedauert den Negativbescheid: „Dieses Projekt hat einmalige Kompetenzen sowohl aus der Forschung als auch aus der Industrie gebündelt.“ Gerade wegen der wachsenden Bedrohungen müsse die Sicherheitsforschung auf europäischer Ebene weiterhin hohe Priorität haben.

Angesichts der versagten weiteren EU-Unterstützung bemüht sich das STFI jetzt um nationale Fördermittel. „Wir nähern uns vollkommen neuen sprengstoffresistenten Textilprodukten und damit großen Umsatz-Chancen auch für kleine und mittelständische Hersteller von Spezialprodukten für Schutzausrüstungen“, betont Illing-Günther. Die Chemnitzer Forscher hatten 2006 bereits die ersten explosionsfesten textilen Transportbehälter für den Stückguttransport vorgestellt. Inzwischen soll es bereits eine Reihe konkreter Produktideen mit großen Einsatzchancen geben.

Textile Protech-Lösungen liegen im Trend
Aus Sicht des Forschungskuratoriums Textil (FKT), Dach von 16 Textilforschungsinstituten wie dem STFI, haben technische Textilien speziell für Sicherheitsanwendungen großes Potenzial und bilden deshalb einen an Bedeutung zunehmenden Forschungsschwerpunkt. Das setze oft interdisziplinäre Werkstoffforschung ebenso wie textile Technologiekenntnis entlang der gesamten Wertschöpfungskette voraus, sagt FKT-Geschäftsführer Dr. Klaus Jansen. Laufende Entwicklungen beträfen die Brand- und Flammhemmung mit textilen Werkstoffen ebenso wie die Verspinnung von Hochleistungsfasermaterialien für hochtemperaturbeständige Garn- und Textilstrukturen für den Hitze-, Brand- und Personenschutz oder die Entwicklung von Feuerwehrbekleidung mit integrierter textiler Sensorik.

 

Materialversuche am STFI: Berstdrucktest 3 Lagen Vectran und Naht 71,5 bar (Quelle: STFI)

Materialversuche am STFI: Berstdrucktest 3 Lagen Vectran und Naht 71,5 bar
(Quelle: STFI)

 

 

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